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Einfach (aber) faszinierend

Keiner braucht sie, alle wollen sie – zumindest für eine gewisse Zeit. Banale Kultgegenstände wie Fidget Spinner, Flummis oder Jo-Jos zeigen, wie wenig nötig ist, um Millionen zu begeistern. Wie die Macher der Gimmicks das schaffen und warum die Funken auch stets wieder genauso schnell verglühen.

Wackeldackel

Entstehung: Schon im 17. Jahrhundert gab es in asiatischen Tempeln Götterfiguren mit wackelnden Köpfen. 1965 kreierte der Bielefelder Designer Wolfgang Budwell schließlich den ersten Wackeldackel.

Verbreitung: Der nickende Hund war in den 1970er-Jahren auf Autofahrten der Begleiter schlechthin. Ein Aral-Werbespot mit Wackeldackel löste Ende der 1990er ein Comeback aus: 1999 verkaufte das Coburger Unternehmen Heinze & Co. in acht Monaten mehr als 500.000 Exemplare.

Heute: Ein Wackeldackel ist das Maskottchen des deutschen Spektrometers FIFI-LS in der fliegenden Sternwarte SODFIA.

Fidget Spinner

Entstehung: Niemand weiß, wo die Fidget Spinner genau herkommen, die Ende 2016 massenhaft auf der Bildfläche erschienen. 1993 entwickelte die US-Amerikanerin Catherine Hettinger ein ähnliches Spielzeug, um trotz ihrer Muskelschwäche mit ihrer Tochter spielen zu können.

Verbreitung: Im Juli 2017 gaben laut einer Umfrage des Statistikportals Statista 14 Prozent der über 18-Jährigen Deutschen an, einen Fidget Spinner zu besitzen; in den USA war es jeder Vierte. Unter den Kids der Industrieländer dürfte die Quote noch höher sein.

Heute: Bis Ende 2017 hat sich der Hype gelegt. Das Fidget-Spinner-Verbot, das einige Schulen aussprachen, ist nun nicht mehr von Nöten.

Regenbogenspirale

Entstehung: Der US-amerikanische Schiffbauingenieur Richard James erfand den Treppenhüpfer 1943 zufällig, als er an einem System arbeitete, um sensible Messgeräte bei rauer See zu stabilisieren. Dabei fiel eine Metallfeder herunter und hüpfte davon. „Slinky“ war geboren, der zwei Jahre später auf den Markt kam.

Verbreitung: In den ersten 60 Jahren gingen mehr als 300 Millionen Spielzeugspiralen weltweit über die Ladentheken.

Heute: Viele kennen den Treppenhüpfer als Regenbogenspirale aus Kunststoff. Ursprünglich war er silbern und aus Metall.

Flummi

Entstehung: Der Kalifornier Norman Stingley experimentierte 1965 mit Gummi und komprimierte mehrere Stückchen aus verschiedenen synthetischen Gummisorten unter extrem hohen Druck. Das Ergebnis: ein Ball mit hoher Sprungkraft und Widerstandsfähigkeit.

Verbreitung: Die „Super Balls“ entfachten sofort einen Hype. 1965 wurden zu Spitzenzeiten täglich 170.000 Stück produziert; bis Jahresende verkauften sich mehr als sechs Millionen Gummibälle.

Heute: Flummis lösen nach wie vor eine Faszination aus. Diese nutzte etwa Sony, das 2005 für einen Werbespot 250.000 Gummibällchen die Straßen San Franciscos runterhüpfen ließ.

Rainbow-Loom-Armbänder

Entstehung: Cheon Choon Ng, ein aus Malaysia stammender US-Amerikaner, beobachtete 2010 seine Töchter, wie sie aus Gummibändern Schmuckstücke fertigten, und baute dafür einen speziellen Webstuhl.

Verbreitung: Bis September 2013 verkauften sich mehr als 1,2 Millionen Rainbow-Loom-Sets. Nachdem der Trend nach Europa übergeschwappt war, waren es im September des Jahres darauf schon drei Millionen Stück.

Heute: Nach wie vor flechten vor allem Kinder gerne Gummiarmbänder und Co. Doch der große Boom hatte sich bis spätestens Anfang 2015 gelegt.

Jo-Jo

Entstehung: Schon die antiken Griechen spielten mit Jo-Jos; auch in den Philippinen sind sie seit Langem beliebt. Pedro Flores, ein philippinischer Einwanderer, führte sie 1928 in die USA ein. Unternehmer Donald Duncan übernahm dessen Firma und patentierte das Spielzeug 1932 in seiner heutigen Form.

Verbreitung: Duncan rührte ordentlich die Werbetrommel fürs Jo-Jo, sodass es immer populärer wurde. Allein im Jahr 1962 verkauften sich weltweit rund 45 Millionen Stück.

Heute: Das Spielzeug ist mittlerweile vor allem etwas für Liebhaber. Diese treffen sich alljährlich zum „World Yo-Yo Contest“, bei dem der Jo-Jo-Weltmeister gekürt wird.

Klick-Klack-Kugeln

Entstehung: Der einstige Hamburger CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Hansjoachim Prahl beobachtete in Afrika, wie Kinder mit zwei durch eine Schnur verbundenen Avocadokernen spielten. Das inspirierte ihm zu dem Spielzeug, das er sich patentieren ließ.

Verbreitung: Bis August 1971 verkauften sich in Deutschland eine Millionen Klick-Klack-Kugeln; zehn Millionen Exemplare wurden exportiert.

Heute: 2017 wurden Klick-Klack-Kugeln in Ägypten als „Sisis Bälle“ berühmt – in Anspielung an die Hoden des umstrittenen Präsidenten Abdel Fattah el-Sisi. Dessen Reaktion: 41 verhaftete Klick-Klack-Kugel-Verkäufer und 1.403 konfiszierte Spielzeuge.

Schleim

Entstehung: 1976 brachte der Spielwarenhersteller Mattel den glibberigen, kalten, grünen „Slime“ in kleinen Plastiktönnchen heraus.

Verbreitung: Im Juni 1978 bezeichnete der „Spiegel“ „Slime“ als „Hit der Saison“. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden allein in Deutschland zweieinhalb Millionen Schleimtönnchen verkauft. Bis in die frühen 1990er-Jahre kamen immer wieder neue Varianten heraus – unter anderem mit Gummiinsekten, -würmern und -augäpfeln.

Heute: Im Internet kursieren zahlreiche Rezepte, um sich seinen eigenen „Slime“ zusammen zu mischen.

Monchhichi

Entstehung: Die naturgetreue Äffchenpuppe des japanischen Spielwarenherstellers Sekiguchi wollte sich Anfang der 1970er-Jahre nicht so recht verkaufen. Also verlieh ihr Designer Yoshiharu Washino 1974 menschlichere Züge und einen Daumen, der sich in den Mund stecken ließ.

Verbreitung: 1978 kamen die Monchhichis nach Deutschland, wo sie die kommenden Jahre sogar die japanischen Absatzzahlen überschritten. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ schreibt 2011 von weltweit mehr als 80 Millionen verkauften Exemplaren.

Heute: Die Monchhichis erleben ein Revival. Nostalgische Eltern, die in den frühen Achtzigern selbst mit den Äffchen spielten, schenken sie heute ihren Kindern.

Faszination des Sinnlosen: Der Begeisterung auf der Spur

Eines haben Fidget Spinner, Monchichis und Spielschleim gemeinsam. Sie alle sind im Grunde banal und banal einfach – und wurden doch oder gerade deswegen zu einem Welterfolg.

Dieser Ansicht ist Soziologe Anselm Geserer aus Freiburg: „Dinge müssen immer nützlich sein. Sind sie das nicht, liegt eine Verschwendung von Zeit vor", erklärt der Wissenschaftler. „Das ist ein Angriff auf unsere zweckrationale Welt und begünstigt eine fantastische Gegenwelt. Darin vergessen wir alles Rationale für einen Moment und brechen spielerisch aus. Genau dieses Spannungsfeld löst eine Faszination aus."

Besonders Kindern bereitet dies Freude. „Zum einen lernen sie so die rationale Welt von einer fantastischen Welt zu unterscheiden und zum anderen können sie eine Reaktion bei Erwachsenen erzeugen, die das Ganze erstmal als Zeitverschwendung abtun.“ Sein Fazit zu den banalen Kultgegenständen: „Sie eignen sich hervorragend zur Identifikation und Abgrenzung.“

Faszination im Praxischeck: Kinder testen Kultobjekte

makemake-Podcast: Das kleine Hype-Mal-Eins

Viele Spielzeuge sind einfach, nutzlos und bieten sinnlosen Zeitvertreib – und werden dennoch noch lange nicht zum Trend. Drei Experten aus der Handelsblatt Media Group, der Muttergesellschaft von planet c erklären, welches Marketing es braucht, welche Rolle die Sozialen Medien spielen und was die Ökonomie zu Hypes sagt.

Frank Dopheide

Einfachheit als Markenzeichen

Jo-Jos, Flummis und Slime sind nicht nur Spielzeuge, sondern auch Marken. Wie sie sich derart etablieren konnten, erklärt Frank Dopheide. Der Sprecher der Geschäftsführung der HANDELSBLATT MEDIA GROUP zählt zu Deutschlands renommiertesten Werbe-Experten.

Nora Sonnabend

Netz als
Nährboden

Heute gilt: Kein Hype ohne Soziale Medien. Fidget Spinner und Rainbow-Loom-Armbänder waren online omnipräsent in Diskussionen, geteilten Artikeln und Youtube-Videos. Nora Sonnabend, Social-Media-Redakteurin beim Handelsblatt, erklärt die Gründe.

Sven Jung

Ökonomie
der Hypes

Plötzlich sind Kultobjekte allgegenwärtig: Ihr Konsum und ihre Produktion schnellen nach oben. Was die Wirtschaftswissenschaften zu diesem Phänomen sagen, erklärt Sven Jung, Ökonom am Handelsblatt Research Institute.

Der Preis des Hypes: Fidget Spinner im Check

Simples Spielzeug, relativ hoher Preis? Fidget Spinner sind für rund zehn Euro zu haben. Wie einfach diese Kultobjekte tatsächlich aufgebaut sind, aus welchem Material sie bestehen und was die Herstellung kostet, hat Bernd Stein ermittelt.

Er geht den Kosten auf den Grund: Bernd Stein ist technischer Betriebswirt bei Kerkhoff Cost Engineering, einem Spezialisten für Produktkostenkalkulation aus Düsseldorf. Der 51-Jährige prüft die Qualität des Materials, aus dem die Produkte seiner Kunden gefertigt sind, und ermittelt hieraus beispielsweise einen gerechtfertigten Einkaufspreis. Für makemake hat er einen Fidget Spinner der Firma „Innoo Tech“ unter die Lupe genommen.

„Die reinen Herstellungskosten“, sagt Stein, „belaufen sich auf exakt 1,015 Euro, der Einkaufspreis beim Hersteller liegt bei 1,2703 Euro.“ Und der Verkaufspreis für den Endkunden? Bei 11,99 Euro. Dazwischen liegen fast 850 Prozent für Handelsstufen, Logistikkosten und sicherlich attraktive Margen. Ein hoher Aufpreis, den Endverbraucher für einen Zeitvertreib zahlen. Stein zuckt mit den Schultern: „Wenn etwas hip ist, ist es eben hip.“

Triangle-Gehäuse
Material: Zinkdruck-Gusslegierung
Gewicht: 72 Gramm
Herstellungskosten: 46 Cent

Muttergewinde
Material: Zinkdruck-Gusslegierung mit Messinganteilen
Gewicht: 6 Gramm
Herstellungskosten: 0,1674 Cent

Schraubengewinde
Material: Zinkdruck-Gusslegierung mit Messinganteilen
Gewicht: 6 Gramm
Herstellungskosten: 0,1674 Cent

Haltering
Material: Messing
Gewicht: 6 Gramm
Herstellungskosten: 0,227 Cent

Schräubchen
Material: Stahl
Gewicht: federleicht
Herstellungskosten: 1,5 Cent (für alle drei)

Kugellager
Material: Stahl
Gewicht: 2 Gramm
Herstellungskosten: 10 Cent

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Der Anfang vom Ende: Wenn der Funke verglüht

Die weltweite Menge der Google-Suchanfragen zum Fidget Spinner erreichte im Mai 2017 ihren Höhepunkt: Durchs Netz schossen Verschwörungstheorien, das Drama um die angebliche Erfinderin Catherine Hettinger sowie medizinische Rechtfertigungen:

So soll das Spielzeug unter anderem Stress abbauen und gegen die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung ADHS helfen. Zu einem solchen Punkt sieht Soziologe Anselm Geserer den Zenit eines Hypes überschritten:

Solche Geschichten deuten die Objekte sinnhaft. Das nimmt ihnen den Reiz, sie sind nichts Besonderes mehr und werden damit schnell langweilig. Nicht zuletzt gewöhnen sich Menschen früher oder später an alles Seltsame und Streitbare. Das einstige Gesprächsthema Nummer eins gehört plötzlich ganz selbstverständlich zum Alltag und taugt nicht mehr wirklich als Abgrenzung. Wenn der Nutzen darüber hinaus sehr gering und stark konstruiert ist, verliert es schnell seinen Reiz.

Endstation Nostalgieladen: Wo fast vergessene Kultobjekte leben

Nach ihrem ruhmreichen Leben ziehen sich Kultobjekte an Orte zurück, die wie sie selbst Nostalgie und Melancholie versprühen. Dazu gehört das Kölner Spielwarengeschäft von Dieter van Dillen. Hier grüßen die Monchhichis in den Auslagen neben treu blickenden Wackeldackeln. „Altes Spielzeug, das kaum einer mehr kennt – das ist meine Leidenschaft“, sagt der 77-Jährige.

Bis zur Decke türmen sich Regalbretter mit bemalten Holzfigürchen und in der Luft schweben Hasen mit Propellerohren, bunte Papageien und Flugsaurier. Völlig deplatziert wirkt da der neonfarbene Fidget Spinner auf der Verkaufstheke: „Ein paar von diesen Rennern muss man einfach haben. Hat zwar keine große Spielqualität das Teil, aber sonst heißt es noch, der verkauft nur altes Zeug“, erklärt van Dillen. Doch auch dieses Kleinod droht zu verschwinden. Wie andere Ladenbesitzer auch, muss sich Herr van Dillen der immer größeren Konkurrenz durch Amazon, Ebay und Co. stellen – und dass zu allem Überfluss mit Spielzeug, das aus der Mode ist.

„Ich mache das hier nur noch aus Leidenschaft. Leben kann ich davon nicht“, meint er und lässt liebevolle Blicke durch seinen Laden schweifen. Einen Augenblick lang verharrt er auf dem Regal mit den Monchhichis, die ihn schon seit 35 Jahren unentwegt anlächeln. „Diese Monchhichis werden immer einen gewissen Reiz haben. Wahrscheinlich weil sie so naiv aussehen, eben halb Affe halb Mensch.“ Lachend fügt er hinzu: „Ich weiß es nicht, aber vielleicht sehnt sich der Mensch ja zurück zum Affen.“

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Die Funken sprühen lassen mit planet c